Verlassen

  • Musik
sich nähernde Hände

Es ist manchmal gar nicht so einfach, sich auf jemanden zu verlassen, ihm zu vertrauen. Vor allem dann, wenn man schon einmal enttäuscht wurde, verlassen war.

In der Bibel gibt es sowohl für „sich verlassen“, als auch für „verlassen sein“ nahezu unendliche Beispiele, gerade in den Psalmen. Häufig finden wir hier auch beide Aspekte: Erst fühlt sich jemand von Gott verlassen, dann erkennt er Gottes Wirken in seinem Leben und verlässt sich wieder auf ihn. Diese Gefühle wurden dann in Liedern ausgedrückt, die wir eben als Psalmen kennen.

Auch viele Lieder, die wir im Gottesdienst (oder auch allen anderen Gelegenheiten) singen, greifen diese beiden Themen regelmäßig auf. Sie sprechen von einer großen Verlassenheit auf der einen und großem Vertrauen auf der anderen Seite.

Auf den folgenden drei Seiten finden Sie drei exemplarische Lieder. Zu jedem Lied finden Sie auch ein Hörbeispiel.


Wer nur den lieben Gott lässt walten

Als Georg Neumark um 1641 dieses Lied schrieb, tobte in Europa der 30-jährige Krieg. Neumark selbst studierte ab 1640 Jura in Königsberg, landete nach einem Überfall mittellos in Hamburg und kam letztlich nach Kiel. Dort soll er sich in einer Herberge aufs Bett gelegt haben und darauf vertraut haben, dass Gott ihn versorgt. Als er dann eine Anstellung als Hauslehrer erhielt, schrieb er spontan und dankbar das Lied.

Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir’s uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Georg Neumark (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 369)

Als Hörbeispiel finden Sie einen Ausschnitt aus dem Film „Vaya con Dios“, für welchen eigens ein dreistimmiger Choralsatz geschrieben wurde.


Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Martin Luther schrieb dieses Lied um die Jahreswende 1523/1524. Es handelt sich um eine Nachdichtung des Psalms 130. Das Lied wird häufig im Rahmen der Beichte und des Buß- und Bettages gesungen.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst
auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
des muss dich fürchten jedermann
und deiner Gnade leben.

Darum auf Gott will hoffen ich,
auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.

Martin Luther (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 299)

Johann Sebastian Bach schrieb auf Basis von Luthers Text und Melodie für seine gleichnamige Kirchenkantate (BWV 38), aus welcher wir den ersten Satz, die Choralfantasie, als Hörbeispiel empfehlen.


Stern, auf den ich schaue

Dieses Lied ist das jüngste unserer Beispiele. Der Text wurde 1857 von Adolf Krummacher, einem evangelischen Theologen, geschrieben. Die Melodie entstand erst nach seinem Tod und wurde von Minna Koch 1887 komponiert. Koch hatte das Gedicht kennengelernt, als sie ihren Bruder besuchte, der mit Krummachers Tochter verheiratet war.

Stern, auf den ich schaue,
Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue,
Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe,
Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe,
alles, Herr, bist du.

Ohne dich, wo käme
Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme
meine Bürde, wer?
Ohne dich, zerstieben
würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben,
alles, Herr, bist du.

Drum so will ich wallen
meinen Pfad dahin,
bis die Glocken schallen
und daheim ich bin.
Dann mit neuem Klingen
jauchz ich froh dir zu:
nichts hab ich zu bringen,
alles, Herr, bist du!

Cornelius Friedrich Adolf Krummacher (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 407)

Das Lied gehört zu den viel gesungenen Liedern des Evangelischen Gesangbuchs. Als Hörbeispiel emfpehlen wir eine moderne Interpretation des „Liederschatz-Projektes“.


Dieser Artikel ist zuerst in unserem Gemeindebrief erschienen, Ausgabe September 2020.